Meine Frau will immer den größten Christbaum

Jedes Jahr das gleiche Spiel. Schon Ende November wird sie nervös, meine Frau. Der Weihnachtsbaum muss eine Nordmanntanne sein. Schön gewachsen soll er und so groß sein. Er soll bis an die Decke reichen, die an der immer gleichen Standstelle des Baums 3,80 m hoch ist.
Vor dem Christbaum kommen natürlich die Weihnachtsplätzchen. Schon Tage vorher wird meine Frau sehr unruhig. Das ist wie ein Trieb. So wie unsere Kröten in jedem Frühjahr zu uns an den Teich kommen, so gewiss backt meine Frau Weihnachtsgutsel. Aber sie hat sich gebessert. Früher, als die Kinder noch im Haus waren, hat sie mindestens einen halben Zentner Mehl verbacken. Blaky, unser geliebter Hundesohn, musste, was heißt musste, noch an Ostern Weihnachtsgutsel essen. Er fraß sie für sein Leben gerne. Ich glaube, meine Frau hat ihn deshalb besonders geliebt. Heute hält sich ihre Backwut in Grenzen. Jeder bekommt seine Lieblingsplätzchen gebacken. Alle müssen jedoch auf ihr Gewicht achten, weshalb wir beim Verzehr der Köstlichkeiten sehr zurückhaltend geworden sind. Sehr zum Leidwesen unserer Mutti.
Doch zurück zum Christbaum-

Jedes Jahr fahren wir auf den Weihnachtsmarkt und jedes Jahr gehen wir zum gleichen Christbaumhändler. Er kennt uns schon. Ins Gespräch kamen wir schon vor Jahren, weil er immer einen alten, ausrangierten Polizeianorak an hatte. Und da ich schließlich bei der Polizei war, fiel uns das gleich auf. Er weiß, dass wir immer seinen größten Christbaum wollen. Inzwischen machen wir gar nicht mehr das enge Netz ab und stehen auf dem Standpunkt, dass jeder Baum schön ist.

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Letzte Weihnachten konnte meine Frau in vollen Zügen genießen. Sie bekam nicht einen Christbaum, auch nicht zwei Christbäume, sondern sage und schreibe drei Christbäume.

Wie war das möglich?

Ganz einfach!

In unserem Vorgarten steht eine serbische Fichte, die uns zu groß geworden war. Sie war im Sturm abgebrochen und es hatten sich zwei lange Spitzen gebildet. Wir hatten die Sorge, dass diese wieder bei einem Sturm abbrechen und auf das Haus fallen könnten. Also was lag näher, als die Fichte wieder zu kappen. Es waren zwei schöne Spitzen, in Form je eines Christbaums. Außerdem waren noch genügend schöne Äste übrig für Bastelarbeiten im Kindergarten

Ein Christbaum kam in den Vorgarten vor das Küchenfenster. Er war damit immer im Blickfeld meiner Frau, wenn sie sich in der Küche aufhielt. Ein paar Weihnachtskugeln und eine elektrische Beleuchtung machten den Weihnachtsbaum perfekt. Ganz besonders hübsch wirkten viele am Baum befindliche kleine Tannenzapfen.
Ein weiterer Tannenbaum kam auf die Terrasse, direkt neben das Vogelfutterhäuschen. Ein paar alte Kugeln und alte rote Wachskerzen, sowie eine Minilichterkette gaben dem Baum ein weihnachtliches Aussehen.

Das besondere waren aber die Meisenknödel, die ich wie Weihnachtskugeln am Baum befestigte. Und dieser Christbaum für unsere Vögel war das aller schönste Erlebnis des Winters. Bei jedem Frühstück und wenn wir am Esstisch saßen, konnten wir die Vögel beobachten. Die Hierarchie ist immer gleich. Ein paar Türkentauben hatten das Sagen, die Amseln vertrieben alle anderen Vögel, mit Ausnahme der Kernbeißer. Das Heer der Grünfinken, Buchfinken, Spatzen, Gimpel und Distelfinken und anderen Vogelarten wurde aber auch satt. Am schönsten war jedoch das Treiben der Meisen, der Kohlmeisen und Blaumeisen, wenn sie kopfüber akrobatisch an den Knödeln hingen. Im Baum hatten sie herrliche Verstecke. Es war ein buntes Treiben und unsere kleine Mühe wurde von den gefiederten Freunden allein schon durch ihre Anwesenheit reich belohnt.
Bleibt nur noch der klassische Christbaum in der Wohnung zu erwähnen. Wie immer war er groß und schön und rot. Bemerkenswert war, dass meine Frau ihn beim Blumen gießen umwarf. Ich kam und sah und ging wieder nach draußen, nicht ohne sarkastisch zu bemerken: “Das ist jetzt Deine Sache!“ Dann bekam ich doch ein schlechtes Gewissen und half den Baum wieder auf Vordermann zu bringen. Etliche schöne und rote und große Kugeln gingen zu Bruch. Meinen Ärger verbarg ich, in dem ich nichts weiter sagte, sondern nur schlimme Dinge dachte. Gott sei Dank sind die Gedanken frei und ich kann denken was ich will. Allerdings durchschaut mich meine Frau dann schon und fragt mich, was ich denn denke. Ich sage dann: „Das sage ich lieber nicht.“

Später haben wir über das Missgeschick und meine Reaktion herzlich gelacht.
Das Weihnachtsfest war gerettet.

Quelle: Adolf Skrobanek

 

Veröffentlicht am 25. November 2014, 09:00
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