Die Weichen für regionale und nachhaltige Ansätze stellen

MdB Harald Ebner und Landwirt*innen diskutierten über die Zukunft der Landwirtschaft

(zg) Wie gehen Landwirtschaft und Ernährung krisenfest und zukunftstauglich? Mit dieser Frage hatte sich der Kreisverband Odenwald-Kraichgau von Bündnis 90/Die Grünen ein spannendes und vielschichtiges Thema zur Brust genommen. Auf dem Online-Podium saßen Harald Ebner MdB, Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion für Waldpolitik sowie für Gentechnik und Bioökonomiepolitik, Beate Laible, Landwirtin und Diplomagraringenieurin aus Helmstadt-Bargen und der Maisbacher Landwirtschaftsmeister und Vorsitzende der Marktgemeinschaft Kraichgaukorn Roland Waldi.

„Ein kaputtes System“

Wie es nicht geht hatten gerade große Schlachtbetriebe wie Tönnies demonstriert. Kreisgeschäftsführer und Moderator Jörg Fürstenberger stellt fest, dass die Corona-Ausbrüche ein grelles Schlaglicht auf das kaputte Fleischsystem werfen.

„Die Missstände sind lange bekannt, um sie abzustellen haben wir schon vor Jahren Anträge gestellt“, betont Harald Ebner, der es sehr begrüßt, dass jetzt auch Minister Heil Werkverträge verbieten will. „Gut gebrüllt, Löwe, aber er muss es jetzt auch tun!“

Ebner kritisiert den Versuch, die großen Schlachtbetriebe mit ihrem Billigfleisch als ‚systemrelevant‘ darzustellen und fragt: „Soll es Fleisch nur noch auf dem Rücken der Arbeiter und der Tiere geben damit Clemens Tönnies Milliarden anhäufen kann?“ Fleisch und andere tierische Produkte müssten dringend raus aus dem Ramschregal. Fair und gut erzeugte Lebensmittel seien auch im Sinne der Erzeuger und aller, die davon leben.

Staatsziel Tierschutz wird nicht umgesetzt

Seit 2002 stehe Tierschutz als Staatsziel im Grundgesetz – getan habe sich wenig. So habe es die Bundesregierung auch sieben Jahre nach dem Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration noch nicht geschafft, dieses auch umzusetzen. Die bestehenden Kastenstände für Muttersauen sind schon lange illegal, doch an den Haltungsbedingungen, die Schmerz und Leid erzeugen, wird unter dem Druck der Branche festgehalten.

Auch sonst steht Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner beim nötigen Umbau der Tierhaltung auf der Bremse, selbst die Ergebnisse der von ihr selbst eingesetzten Borchert-Kommission fanden zunächst wenig Berücksichtigung. Die von Tönnies und Co. verursachte öffentliche Aufmerksamkeit hat nun aber offensichtlich etwas bewegt. Die Koalition will im Bundestag einen Antrag an sich selbst stellen, die – nicht sehr weitreichenden – Empfehlungen der Kommission aufzugreifen. Ebner fordert aber mehr, etwa bei den Themen Qualzucht und verpflichtende Haltungskennzeichen. „Wer Billigfleisch kauft, muss sehen woher es kommt.“

Wachse UND weiche

Seit der Jahrtausendwende haben in Baden-Württemberg 18 000 Schweinehalter aufgegeben. Und auch ein Milchpreis unter 30 Cent reicht nicht zum Leben. ‚Wachse oder Weiche’ sei tatsächlich gar keine Alternative, macht Ebner deutlich und charakterisiert das System treffend mit „Wachse UND Weiche“.

Das Höfe-Sterben gehe einher mit einer Intensivierung der Landwirtschaft, die wiederum die Biodiversitätskrise befeuert. „Die großen Herausforderungen können wir aber nur bewältigen, wenn die Ökosysteme funktionieren – Stichwort: Bestäuber“, betont er.

Im dritten Dürrejahr gehe es für die Landwirtschaft auch um Anpassungen an den Klimawandel. Investiert werden müsse in den Humusaufbau, vielfältige Fruchtfolgen und die Stabilität der Agrarökosysteme. Auch die Gesamtmenge der ausgebrachten Pestizide müsse reduziert werden. Dabei könnten Innovationen wie Feldroboter, die Unkraut jäten oder Saaten ausbringen, helfen.

Auch die ‚neue Gentechnik‘ ist keine Lösung

Obwohl schon hunderte Millionen Euro öffentliche Mittel in die Erforschung der Gentechnik im Landwirtschaftsbereich gesteckt wurden hätten sich die Erwartungen bisher nicht erfüllt. Nur ein Bruchteil des Geldes wurde in die konventionelle Züchtung trockenverträglicher Sorten investiert, und das sehr viel erfolgreicher.

Dass eine kleine Gruppe von Grünen nun fordert, neue gentechnische Methoden (CRISPR/Cas-Methode, auch Genschere genannt) aus der gesetzlichen Regelung für Gentechnik auszunehmen, sieht er kritisch. „Das ist keine Lösung“, betont Ebner, der sich für eine klare Kennzeichnungspflicht, Risikoforschung sowie das Vorsorgeprinzip ausspricht und dabei sowohl die Bundestagsfraktion sowie die Grünen-Fraktion im Europaparlament hinter sich weiß.

Wie der Rechnungshof kürzlich feststellte, verfehle die Gemeinsame Agrarpolitik der EU die umweltpolitischen Ziele. „Umweltverträgliche Landwirtschaft muss auch auskömmlich sein“, betont der Abgeordnete und fordert eine Orientierung am Gemeinwohl statt Direktzahlungen pro Hektar Fläche. Doch für den Green Deal und die Farm to Fork Strategie der EU zeige Landwirtschaftsministerin Klöckner wenig Begeisterung. Und auch im Agrarausschuss seien die Beharrungskräfte groß. Statt weiterhin vergeblich mit den dortigen Lobbyisten zu verhandeln, habe sich der Umweltausschuss nun entschlossen, die Verhandlungen in das EU-Parlament zu verlagern.

Umstellung auf Biolandwirtschaft

Doch wie sehen sich die heimischen Praktiker*innen aufgestellt?

Beate Laible ist auf einem landwirtschaftlichen Hof in Helmstadt-Bargen aufgewachsen und hat nach einigen Semestern Verfahrenstechnik Landwirtschaft in Hohenlohe studiert. Erst nach dem Studium hat sie sich entschieden, auf dem elterlichen Hof zu bleiben. Mit der Schweinehaltung hat sie 2009 aufgehört, auch weil sie die Kastenstände ablehnte. Ihren Ackerbaubetrieb mit 190 Hektar stellt sie seit 2018 auf ökologischen Landbau um. „Ich habe immer schon Sympathie für Bio gehabt“, sagt sie. Dabei sind die Herausforderungen beträchtlich: In der Umstellungsphase muss sie zwei Jahre lang Viehfutter produzieren, das sie nicht als Bio verkaufen kann. Auch ist sie verpflichtet, Kleegras anzubauen. „Das bringt zwar keine Erträge, sorgt aber für eine gute Durchwurzelung des Bodens und ist gut für die Humusbildung. Es braucht Zeit, bis sich der Boden regeneriert hat“, erläutert sie. Da in letzter Zeit größere Ackerbaubetriebe umgestellt haben, bemerkt sie zudem einen Preisverfall.

Regionale Versorgungsketten

Roland Waldi, der auf seinen Getreidefeldern keine Pestizide einsetzt und mit der Marktgemeinschaft Kraichgaukorn und dem Qualitätsfleischprogramm Neuland einen eigenen Weg geht, wünscht sich für sein Modell mehr Unterstützung aus der Politik und bessere Rahmenbedingungen. Mit einer entsprechenden Kennzeichnung und Tierwohl-Klassifikation müsse der Verbraucher erkennen können, was in der Packung drin ist und wo das Produkt herkommt. Kritik übt er auch an der deutschen Bürokratie, die bei Betriebskontrollen immer pingeliger werde. „Schlachthöfe müssen hohe Auflagen erfüllen und schmeißen das Handwerk, auch weil sie mit Tönnies und Co. nicht mithalten können“, weiß er. Da er seine Felder in Maisbach nicht beregnen könne, sei er stark vom Wetter abhängig. Waldi wehrt sich dagegen, dass für die Biodiversitätskrise die Landwirtschaft in Haft genommen wird.

Unterstützung bekommt er von Beate Laible. „Das ist ein Problem von uns allen, jeder sollte überlegen, was er beiträgt“, sagt sie. Naturnahe Landwirtschaft und Tierwohl könne man auch mit dem Einkauf unterstützen, etwa indem man weniger, dafür aber hochwertigeres Fleisch kaufe.

Reine Kreislaufwirtschaft gibt es in der Landwirtschaft nicht, das Ziel sei aber ressourcenorientiert zu arbeiten, betont Harald Ebner. So wie im Rheintal Beregnungsanlagen großzügig das Wasser durch die Luft spritzen, verdunste ein großer Teil und das Grundwasser werde dennoch leergepumpt. Die EU Agrarpolitik sollte Gemeinwohlleistungen nach dem Baukastensystem honorieren, dann könnte auch Roland Waldi mit seinem Ansatz profitieren.

Wie ernährt SICH die Welt?

In der anschließenden Diskussion geht es unter anderem um internationalen Handel versus lokale Produktion. „Wie ernähren wir die Welt“, sei die falsche Frage, betonte Ebner. Es müsse heißen „Wie ernährt sich die Welt“. Wichtig sei die Ernährungssouveränität vor Ort wie auch die Frage: Kann sich’s jemand leisten? Diese Fragen könnten mit Gentechnik und Importen nicht gelöst werden.“

Jürgen Kretz aus Wiesloch ist von seinem Auslandsaufenthalt im Kongo zugeschaltet und berichtete von der dortigen Situation. Das fruchtbare Land sei durch Krieg und Vertreibung geschwächt und könne die Handelswege Richtung Europa und Asien nicht nutzen. Der panafrikanische Freihandel aber sei wegen Corona derzeit noch behindert.

Ökolandbau in die Ausbildung!

Davon, dass Roland Waldis Sohn in der Ausbildung zum Landwirt kaum etwas über ökologischen Landbau erfährt, zeigt sich Landtagsabgeordneter Hermino Katzenstein überrascht. „Wen muss ich ansprechen?“, fragt er, doch Harald Ebner stellt klar, dass für die Ausbildung nicht das Land, sondern der Bauernverband zuständig ist.

Verlässlichkeit von Investitionen sind Beate Laible wichtig. War beim Biofutter zunächst noch eine Zumischung möglich, sei nun ein Anteil von 100 Prozent Bio gefordert.

Es brauche mehr regionale Verarbeitungs- und Absatzstrukturen nach dem Vorbild von Kraichgaukorn.

Mehr Bio in die Außer-Haus-Verpflegung

Das Gesetz für mehr Artenvielfalt sieht eine Erhöhung des Bioanteils in der Landwirtschaft auf bis zu 40 Prozent bis 2030 vor. Doch wie kann die Nachfrage erheblich gesteigert werden? Bio in öffentlichen Mensen und Kantinen wären ein großer Hebel. Doch auch wenn Städte wie Kopenhagen es vormachen und im baden-württembergischen Koalitionsvertrag was dazu steht, weiß Harald Ebner um die Herausforderungen: „Das ist eine Riesennummer, da gibt es richtig viel zu tun.“

Quelle: Jörg Fürstenberger

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Veröffentlicht am 30. Juni 2020, 17:06
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