Teresa Dopler – Das weiße Dorf

Keine Zeit für Sehnsucht

Sind wir selbstoptimierten Menschen noch fähig dazu, wahre Gefühle zu empfinden oder werden Emotionen zunehmend zu beliebig austauschbaren Waren? Wie verändert der Kapitalismus unser Liebesleben?

Was die Soziologin Eva Illouz seit Jahren wissenschaftlich erforscht, wird in Teresa Doplers Theaterstück „Das weiße Dorf“ sinnlich erfahrbar. Die junge Dramatikerin bekam dafür den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2019. Nun inszeniert es Chefdramaturgin Petra Jenni an der Badischen Landesbühne.

In Sinsheim ist „Das weiße Dorf“ am Mittwoch, 2. November 2022, um 19.30 Uhr, in der Dr.-Sieber-Halle zu sehen.

An Deck eines Kreuzfahrtschiffes auf dem Amazonas begegnen sich Ruth und Jean wieder. Vor einigen Jahren waren sie ein Paar, haben sich dann aber aus Karrieregründen getrennt. Das ungeplante Wiedersehen raubt ihnen zwar kurz den Atem, doch schnell fassen sie sich wieder.
Täglich treffen sie sich nun an der Reling. Zunächst scheinbar zufällig, dann bewusst. Sie schauen auf die vorbeiziehende Landschaft, checken sich ab und plaudern ungezwungen über ihre beruflichen Erfolge, ihre Lebensentwürfe und ihre aktuellen Partnerschaften. Das feuchte Klima drückt, die Luft zwischen ihnen flirrt. Sie scherzen, flirten, lachen viel und bestätigen sich, dass es nichts zu bedeuten habe, sie seien ja beide „Menschen, die nichts so schnell aus der Bahn“ werfe. Doch nach und nach bekommt die glatte Oberfläche der beiden dauerzufriedenen Selbstoptimierer Risse und eine nie verheilte Wunde klafft jäh wieder auf.

„‚Das weiße Dorf‘ ist ein komisch-trauriges Porträt zweier Menschen, die das auf Rendite fokussierte ökonomische Erfolgsdenken so sehr verinnerlicht haben, dass es auch ihr privates Gefühlsleben bestimmt“, sagt Regisseurin Petra Jenni. „Beide Figuren sind absolute Vernunftmenschen, ehrgeizig und offenbar in allen Lebensbereichen sehr erfolgreich, also typische Vertreter unserer durchrationalisierten Leistungsgesellschaft. Sie beteuern unablässig, wie glücklich und zufrieden sie mit allem seien. Dennoch umgibt sie eine tiefe Melancholie. Man spürt einerseits, dass sie sich nach einem sinnerfüllteren Leben und vor allem nach einer großen und letztlich vielleicht auch irrationalen Liebe sehnen. Andererseits spürt man aber auch, dass ihnen die Kraft dazu fehlt, sich aus der eigenen Lebenslüge zu befreien. Die Angst vor unberechenbaren Emotionen ist zu groß.“

Doplers Stück zeichnet sich durch formalen und sprachlichen Minimalismus aus. Die knappen Dialoge wirken auf den ersten Blick fast etwas oberflächlich, lassen in wenigen Worten aber sehr viel anklingen.

Jenni bringt das vielschichtige Zweipersonenstück mit Thilo Langer und Nadine Pape auf die Bühne. Ausstatter Georg Burger hat dafür ein abstraktes weißes Bühnenbild entworfen, das an ein Kreuzfahrtschiff erinnert, aber auch an das spanische weiße Dorf, das im Stück als Sehnsuchtsort imaginiert wird.

Die einzigen mobilen Bühnenelemente sind drei weiße Allerweltsplastikstühle – sogenannte Monoblocs – welche durch ihre serielle Produktion den rationellen Kapitalismus symbolisieren.
Jenni arbeitet in ihrer Inszenierung zudem mit Projektionen. Die Videos von Marco Kreuzer zeigen Körperaufnahmen und Berührungen der beiden Figuren, die sich mit Naturbildern aus dem Urwald verweben. Sind es Erinnerungsbilder oder Wunschvorstellungen? Das bleibt der Phantasie und der Interpretation des Publikums überlassen.

Mit: Thilo Langer, Nadine Pape, Inszenierung: Petra Jenni, Ausstattung: Georg Burger, Video: Marco Kreuzer

Mittwoch, 2. November 2022, 19.30 Uhr, Sinsheim, Dr.-Sieber-Halle

Kartenvorverkauf: Buchhandlung J. Doll, Telefon: 07261.2322, E-Mail: [email protected],

Tourist-Information der Stadtverwaltung, Telefon: 07261.404109,

E-Mail: [email protected]

Veröffentlicht am 20. Oktober 2022, 06:00
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