„Wir müssen uns retten“

Eckart von Hirschhausen besuchte die KLIMA ARENA und ließ sich von der Ausstellung und den dort gezeigten Themen wie Exponaten nachhaltig inspirieren. 

Eckart von Hirschhausen in der KLIMA ARENA. Foto: Dominik Karaca

(zg) Der Arzt, Entertainer, Comedian, Buchautor, Wissenschaftsjournalist, Moderator und Stifter Dr. Eckart von Hirschhausen engagiert sich seit vielen Jahren für den Klimaschutz. Dieser Tage besuchte der 53-Jährige die KLIMA ARENA in Sinsheim. Eckart von Hirschhausen gründete nach „Humor hilft Heilen“ (2008) am 30. März 2020 mit „Gesunde Erde – Gesunde Menschen“ seine zweite eigene, gemeinnützige Stiftung. Ihm geht es darum, über Wechselwirkungen zwischen Klimawandel und Gesundheit aufzuklären und einen gesellschaftlichen Bewusstseinwandel anzustoßen. 

Auszüge aus dem Interview:

Eckart von Hirschhausen über das Wissen in der Bevölkerung zum Thema Klimawandel und Klimaschutz:

Ich glaube, wir haben nicht nur ein Wissensproblem, wir haben vor allen Dingen ein Umsetzungsproblem. Und ein Visualisierungsthema. Ich finde die Klima Arena auch deswegen so gelungen, weil in diesem virtuellen Raumschiff man auch verstehen kann, wir sind schon die ganze Zeit in einem Raumschiff. Wir sind auf dem ‚Raumschiff Erde‘. (…) Weil die Klimakrise die größte Gefahr ist für die Gesundheit, und wir eben wegkommen müssen von diesem ‚Wir müssen das Klima retten‘, nein, wir müssen uns retten. (…) Wir müssen erst mal kapieren, wir haben wenige Jahre vor uns, die darüber entscheiden, wie die nächsten 10.000 Jahre auf dem Planeten laufen. Wir sind die erste Generation, die eigentlich Hunger abschaffen könnte. Wir haben zwei Milliarden Übergewichtige, eine knappe Milliarde Menschen, die hungert. Wir können umverteilen, wir können fairer miteinander leben auf diesem Planeten. 

Über den sensiblen Umgang mit diesem komplexen Thema:

Wenn ich mich selber anschaue, ich war mit 17 schon umweltbewegt. Da war saurer Regen das große Thema. Da haben wir schon über Tempolimit geredet, da ging es auch schon darum, brauchen wir überhaupt Atomkraft in Deutschland. (…) Wir haben wirklich entscheidende Jahrzehnte verloren, obwohl die Wissenschaft eindeutig war, haben wir es nicht in politische Maßnahmen und persönliches Verhalten übersetzt. Und deswegen ist jetzt die Zeit knapper und um so wichtiger ist es, dass wir die Mitte der Gesellschaft erreichen. Das ist kein Thema, was einer Partei gehört. Das ist auch kein Thema, was an eine Weltanschauung gekoppelt ist, sondern es ist ein Thema, was jeden von uns betrifft und wo jeder entweder Teil des Problems oder auch Teil der Lösung werden kann. 

Über die KLIMA ARENA, den virtuellen Supermarkt und die Sonderausstellung „use-less“: 

Hier muss ich nochmal herkommen! Es gibt soviel zu gucken, es gibt hier soviel zu entdecken, dass man das unmöglich mit einem Besuch abdeckt. (…) Was ich sehr mochte, war die Idee beim Einkaufen mal nach dem CO2-Abdruck zu gehen. Klar weiß man irgendwie, dass Fleisch in der Menge, die wir konsumieren in Deutschland, nicht okay ist – weder für den Körper noch für die Welt. Aber man macht sich das selten in den Dimensionen klar. (…) Wenn man Leute fragt: ‚Mensch, Gemüsesuppe oder Fleischsuppe, was würdest du sagen ist der Unterschied im CO2-Rucksack?‘ Das ist das Zehnfache! Und dann kann man die Leute im nächsten Schritt fragen: ‚Schmeckt dir denn die Fleischsuppe wirklich zehnmal so gut wie die Gemüsesuppe oder reicht es auch zweimal im Monat? Und guck mal, es gibt noch ganz viel Gemüsesorten, aus denen du noch nie eine Suppe gemacht hast – das ist auch lecker.‘ (…) Und die Sonderausstellung über Klamotten hat mich auch inspiriert. Wir bräuchten eigentlich eine andere Art von Komplimenten. Beispiel: Wenn wir uns das nächste Mal sehen, schämen wir uns ja, wenn wir das Gleiche anhaben wie das letzte Mal. Wofür eigentlich? Frau Merkel wurde ja auch angegangen dafür, dass sie zweimal das Gleiche anhatte in Bayreuth. Man muss doch sagen: ‚Hej, super, das ist nachhaltig! Wenn’s noch passt und wenn’s noch nicht kaputt ist, na klar trage ich das weiter!‘ (…) Natürlich braucht jeder gefühlt jedes Jahr mindestens drei Paar neue Turnschuhe. Mein Vater hat ein Paar. Und der sieht nicht ein, warum er ein zweites braucht, wenn das eine noch funktioniert. Das heißt Nachhaltigkeit ist keine Modeerscheinung, sondern auch etwas, was in den Generationen vor uns schon mal gelebt wurde. Wer noch Krieg erlebt hat, wer noch Hunger, wer noch Mangel erlebt hat, war viel nachhaltiger. Und so gesehen hat mein Vater wahrscheinlich über seine ganze Lebenszeit weniger CO2 emittiert als ein einzelner Enkel von ihm. (…) Und deswegen ist es ganz wichtig, diesen Ort nicht nur zum Informieren zu begreifen, sondern als ein Ort, wo Interaktion stattfindet. (…) Wo die Bürgerschaft sich auch trifft und sagt: ‚Mensch, eigentlich ist das ein Thema auch für die Schulen, für die Ärzte, für die Pflegekräfte, für all die anderen klugen Menschen, die im Umkreis von hundert Kilometern hier alle zu finden sind.‘ (…) Und dann kriegen wir hoffentlich auch endlich die wirksame Klimapolitik, an der es eigentlich hängt, wie schnell wir mit Europa, aber auch in Deutschland den „Green New Deal“ umsetzen.

Über emotionale Berührungspunkte: 

Ich finde das schön, wie hier Innen und Außen auch miteinander verwoben sind. Was ich nicht wusste zum Beispiel, wie wichtig Moore als CO2-Senke sind. (…) Die Moorflächen, die wir im Moment trocken legen in Deutschland, immer noch, was wirklich idiotisch ist, emittieren im Moment mehr Treibhausgase als der gesamte Flugverkehr in Deutschland. Das ist eine Dimension, die kaum einer kennt. (…) So gesehen wünsche ich mir auch, dass jeder Besucher hier, auch nur wenn’s ein Impuls ist, hier mitnimmt und umsetzt. Weil Wissen ist nur dann gut, wenn es ins Handeln kommt.

Über Mitmach-Effekte: 

Der Ort animiert auf alle Fälle zum Mitmachen. Was ich mir noch wünschen würde, ist, dass man aus diesem ersten Impuls, aus diesem Aha-Moment, noch mehr darüber nachdenkt, wie man das ins Digitale, ins Netzwerk verlängert. (…) Was ich eben erkannt habe für mich, und dafür brenne ich inzwischen auch sehr, diese Verbindung mit der Gesundheit, das ist für viele Menschen der Schlüssel, wo sie kapieren: ‚Ach, das ist gar nicht ein Thema, was Eisbären und Meeresspiegel und Atmosphäre betrifft, sondern uns.‘ Es geht um neue Infektionskrankheiten. Wir haben hier in Baden-Württemberg plötzlich asiatische Tigermücken und die gehören hier nicht hin. Die überleben, weil es nicht mehr kalt wird. Wir haben Allergien, die zunehmen. Wir haben Hitzetote, 2018, 2019 viele, viele tausend Menschen in Deutschland. Redet keiner so richtig darüber. Deswegen glaube ich, dass wenn man den Menschen klarmacht, dass es uns allen an den Kragen geht, wenn wir nichts tun, dass dann auch diese dämliche Diskussion, ‚Ja, wir können uns es nicht leisten, jetzt Klimaschutz zu machen‘, aufhört. Nein, wir können uns nicht leisten, nichts zu tun.

Über gemeinsame Lösungsansätze:

Ich selber habe eine Seite im Aufbau, die heißt „Gesunde Erde – gesunde Menschen“. Diese Verbindung finde ich wichtig hochzuhalten. Und dass man kapiert, das Politischste, was wir gerade machen können, ist, offener darüber reden. Also wenn man denkt: ‚Och Gott, ich kann doch als Einzelner nichts daran ändern!‘ Doch, wenn man anfängt, jeden den man trifft, mal anzuquatschen, zu sagen: ‚Was weißt du darüber? Wie denkst du darüber? Was fühlst du darüber? Hast du auch Sorgen, wie es weitergeht? Wo könnten Lösungen sein? Wo hast du persönlich auch einen Hebel, nicht nur den persönlichen Fußabdruck zu reduzieren, sondern auch den Handabdruck zu nutzen? Wo kannst du Stellschrauben verändern?‘ Sei es in der Kantine, wo man kein Billigfleisch braucht. Im Krankenhaus, wo man unglaublich viel Energie auch durch Zeug, was man einmal nimmt und wegwirft, unnötig verbraucht. Sei es in der Mobilität. Müssen wir Kinder mit dem Auto zur Schule bringen? Was ist mit E-Bikes oder Lastenräder? Das sind echte Alternativen zum Auto. Klar ist E-Mobilität auch ein besserer Weg als Verbrennungsmotoren, aber wirklich auf Dauer brauchen wir auch ganz andere Ideen. Und das beginnt dabei zu kapieren, jeder Einzelne kann aktiv werden. Noch wirksamer ist, wenn wir gemeinsam dafür sorgen, dass es endlich vernünftige Züge gibt und wir die Flugzeuge in Deutschland überhaupt nicht mehr brauchen. (…) Wir haben das Geld, wir haben das Wissen. Jetzt brauchen wir politischen Willen. Denn gesunde Menschen gibt es nur auf einer gesunden Erde – das sage ich als Arzt und als Bürger dieses Landes.

https://klima-arena.de/eckart-von-hirschhausen-interview-sinsheim/

Quelle: Joachim Klaehn

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Veröffentlicht am 21. September 2020, 13:34
Kurz-URL: https://www.sinsheim-lokal.de/?p=167177 

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