Talentschuppen

Bei der Aufstellung von 1899 Hoffenheim gegen Nürnberg dürfte sich manch einer verwundert die Augen gerieben haben: Markus Gisdol trat ohne glasklaren Mittelstürmer an, und mit Rudy, Weis und Thesker – der zwar als Verteidiger geführt wird, aber bislang meist auf der Sechs in Erscheinung trat – schienen also drei Sechser in der Startaufstellung zu stehen. Gleich nach dem Anpfiff klärte sich der verwirrende Spielerbogen.

Denn Thesker spielte auf der linken Abwehrseite – und machte seine Sache sehr gut. Johnson, sonst dort gebucht, war weiter vorn unterwegs und verlieh Mittelfeld und Angriff zusätzliche Dynamik. Die Rechnung ging vom ersten Moment an auf und bescherte den Zuschauern in der fast ausverkauften WIRSOL Rhein-Neckar-Arena ein ums andere Mal wohliges Schaudern. Schon nach dreißig Sekunden tauchte Johnson gefährlich vor Nürnbergs Tor auf, nach gut zehn Minuten gab er die Vorlage für die 1:0-Führung durch Weis.

Nach nochmal gut zehn Minuten stand es schon 2:0 für Hoffenheim; Salihovic hatte sich mit dem Kopf in Vollands langen Ball (über die Nürnberger Abwehr hinweg, vorausgegangen war ein sehenswerter Pass von Thesker) gelegt und unhaltbar ins lange Eck gesetzt. Ein Angriff nach dem anderen ging in dieser ersten Halbzeit Richtung Nürnberger Tor. Hoffenheim erspielte sich derart viele hochkarätige Chancen, dass die TSG zur Pause gut und gern mit vier Toren Abstand hätte führen können.

Ein Hauch von Mannheim lag in der Luft – die Erinnerung an die gloriose Hinrunde des Jahres 2008 war unvermeidlich. Angesichts des Tabellenstandes kam zwar niemand auf die Idee, sich tatsächlich in die Hoffenheimer Bundesliga-Anfangszeit zurückversetzt zu fühlen, aber es tat doch gut, die TSG an ihre einst so erfolgreiche Spielidee wieder anknüpfen zu sehen. Denn die Mannschaft griff den Gegner konsequent früh an, schaltete blitzartig auf Angriff um und fand vor allem durch exzellente Kurzpässe schnell den Weg nach vorn. Auffällig war, wie sehr sich im Zuge des Wiederanknüpfens an alte Hoffenheimer Tugenden auch die technischen Fertigkeiten der Spieler verbessert haben.

Die Pässe, ob kurz oder lang, kamen oft schnörkellos an, bei der Ballannahme blieb der Ball meist am Fuß und eröffnete dem Gegner kaum Chancen zur Balleroberung. Das alles ist wohl die Folge des nicht risikolosen, aber mutigen und grundoptimistischen Spiels nach vorn. Die Geschwindigkeit, mit der wieder gespielt wird, weckt ganz offensichtlich die Geister und fördert das Selbstvertrauen, das im Zuge dieser komplizierten, unglücklichen und zunehmend aussichtslosen Saison fast völlig zum Erliegen gekommen war.

Die ständigen Wechsel auf den Angriffspositionen erhöhten gegen Nürnberg zudem die offensive Unberechenbarkeit. Mal war es Volland, der gefährlich vor dem Tor auftauchte, mal Firmino, mal Salihovic, mal Johnson, mal Weis – während defensiv die Rückkehr von Abraham viel Stabilität eintrug. Als in der Mitte der 2. Halbzeit auch noch Schorr für den müde gekämpften Thesker zum Einsatz kam und drei Minuten später Joselu Firmino ersetzte, änderte auch das nichts an der Substanz der Mannschaft. Hatte Thesker seinen ersten Einsatz von Beginn an erlebt, kam Schorr zu seinem ersten Bundesliga-Einsatz überhaupt. Kurz vor Ende kam sogar noch Ludwig zum Einsatz.

Markus Gisdol machte also ersichtlich ernst mit seiner Ankündigung, die großen Talente der TSG in die Profimannschaft einzubinden; unter der Woche hatte er bereits einige jugendliche Nachrücker benannt, die von jetzt an zum erweiterten Kader gehören. Auch das lässt für die nähere und fernere Zukunft hoffen – selbst wenn die zweite Halbzeit gegen Nürnberg, nach einem nicht gegebenen, korrekten Tor von Salihovic und einem verwandelten Strafstoß für die Clubberer, noch einmal zu einem Nervenkrieg wurde.

Der hoch verdiente, aber ziemlich knappe Sieg lässt Hoffenheim deutlich näher an Düsseldorf und Bremen heranrücken, während Augsburg durch einen Sieg über den VfB den Abstand wahrte. Das bestärkt den Verdacht, dass Augsburg gar nicht der entscheidende Konkurrent im Kampf um den Relegationsplatz ist, sondern eben Düsseldorf oder Bremen. Das nächste Wochenende kann hier Klarheit bringen, wenn Hoffenheim in Bremen antritt. Nach der ersten legendären Begegnung dieser beiden 2008 steht ein neues brisantes Aufeinandertreffen an. Wer es für sich entscheidet, hat die Hand am Klassenerhalt.

Quelle: TSG 1899 Hoffenheim von Alexander Hans Gusovius

Veröffentlicht am 30. April 2013, 14:45
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